Heute morgen, ganz früh, kurz nachdem die Sonne aufgegangen war, ritt ich nach Elwyne. Ich kann kaum dieses befreiende Gefühl beschreiben, das ich empfand als sich die Burgtore hinter mir schlossen und ich auf meinem Rappen den Drachenberg hinab ritt. Es war herrlich. Die Luft roch anders, die Farben waren bunter, der Himmel blauer … Freiheit … mit nichts zu vergleichen. Einmal mehr wurde mir bewusst, dass der Weg den ich beschritt nicht meiner war. Ich gehöre nicht hinter die dicken kalten Mauern einer Burg …
Wie wohl tat es die vertrauten Wälder Elwynes zu betreten, den würzigen Duft des Waldbodens und der Bäume in mich hinein zu saugen, deren sattes grün vom warmen Licht der Spätsommersonne durchbrochen wurde. Diese Wälder waren mir mehr Heimat als sonst etwas das ich kenne. Ich ritt hinüber zur Baustelle des neuen Magierturms, die traurig und verlassen liegt. Dort im Stall stellte ich mein Pferd unter und machte mich dann zu Fuß auf. Durch geheime Pfade gelangte ich in den Teil des Waldes, der den Elben vorbehalten ist und mit jedem Schritt merkte ich wie ich mehr ankam, befreiter ging, ruhiger wurde. Ich war wieder daheim.
Ruhig schritt ich hinauf zum Palast, um mit Gwen zu sprechen, hoffend, dass die Königin zugegen sein würde. Wie sehr habe ich den Anblick des wunderschönen, hellen, luftigen Elbenpalastes vermisst. Wie sehr hat mir all dies hier gefehlt …
Das Gespräch mit Gwen allerdings war recht ernüchternd. Zwar war ich überglücklich sie zu sehen und ich denke sie freute sich ebenfalls, doch die Nachrichten und Antworten, die ich von ihr erhielt waren keine Guten. Enttäuscht vom Verhalten des Herzogs, den sie als wortbrüchig ansehen, ziehen sich die Elben von einer weiteren Zusammenarbeit mit den Menschen zurück. Sie haben die Ranken verkümmern lassen, die das dunkle Schloss umhüllten und die Schatten wieder freigegeben.
Ich weiß nicht was ich von all dem halten soll. Natürlich haben die Elben Recht was den Herzog betrifft. Aber wenn sie daraufhin ihre Bande mit den Menschen lösen, dann trifft dies in erster Linie das einfache Volk, nicht den Herzog, der feig und faul in der Burg hockt und sich scheinbar einen Dreck darum schert was in seinem Land geschieht. Wer aber will es ihnen verdenken, dass sie nicht weiter ein Volk unterstützen wollen, dessen Führer sich als so unzuverlässig erwiesen haben? Unser kurzes Leben muss ihnen ohnehin so sinnlos und unwichtig vorkommen.
Mir nun bleibt die Aufgabe Helena von der Antwort Gwens zu berichten. Schwerer sind meine Schritte auf dem Weg zurück. Ich versuchte noch Su zu besuchen, wollte mit ihr besprechen, was nun zu tun sei. Wollte wissen, was sie davon hielte, wenn ich dem Rat und meinen Pflichten auf der Burg den Rücken kehre, wenn ich mich in den Wald zurück ziehe, oder wenn ich gar das Land verlasse, denn dies sind die Fragen, die sich mir jetzt stellen. Leider konnte ich sie aber nirgends finden und so beschloss ich diese Fragen aufzuschieben und zunächst noch einmal nach Burg Drachenstein zurück zu kehren.
Doch zunächst ging ich zurück zum Turm und hinab in seinen kühlen Keller, um tief dort unten in einem der geheimen Räume das Knochen-Heilungs-Elixier herzustellen, dass ich für den Wachmann brauchte. Als ich damit fertig war, ging ich hinüber in mein Haus und holte bis auf drei Portionen alles an Eisenkraut was ich dort noch vorrätig hatte und machte aus einem Teil davon Eisenkrautelixiere, den anderen Teil packte ich als Kräuterbündel ein, in der Hoffnung, dass dies bei unserer Gefangenen noch von nutzen sein würde. Auch das Wahrheitsserum nahm ich mit.
Mit all dem im Gepäck machte ich mich auf zurück zur Burg Drachenstein. Es dunkelte schon und so trieb ich meinen Rappen an. Welch herrliches Gefühl wie der Wind beim schnellen Galopp in mein Gesicht peitschte und an meinen Kleidern zerrte. Ich genoss jeden Augenblick des Rittes, auch wenn dieser mich zurück in die kühlen, engen Mauern der Burg führte.
Gerade noch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit erreichte ich die Tore, die auf mein Geheiß hin geöffnet wurden. Ich brachte das Pferd in den Stall und rieb es ab. Danach ging ich hinauf in die Heilstube um weitere Vorbereitungen zu treffen.
Zunächst kümmerte ich mich um den verletzten Soldaten. Ich gab ihm den Knochenheilungstrank, der dafür sorgte, dass seine Rippenbrüche beinahe gänzlich heilten. Er wird in den nächsten Tagen noch sehr vorsichtig sein müssen, was ich ihm nachdrücklich erklärte und auch seinem Kommandaten einschärfte, doch viel Kummer werden ihm die Brüche nicht mehr machen. Danach versorgte ich noch einmal seine Schürfwunden und Prellungen, mit einer Salbe. Die Prellungen werden wohl dafür sorgen, dass der Wachmann ganz von selbst noch einige Tage sehr vorsichtig sein wird und seinen Körper nicht zu sehr beansprucht. Etwas von der Salbe ließ ich ihm da, er wird sie noch brauchen können.
Dann aber meldete sich der Hunger, so dass ich zunächst einmal hinüber in die Küche ging, um etwas Brot zu essen. Mehr brachte ich nicht hinunter zu sehr schlugen mir meine Grübeleien auf den Magen. Bei jedem Schritt, den ich in der Burg machte, sah ich die Blicke der Wachleute… diese argwöhnischen, ängstlichen, teilweise sogar hasserfüllten Blicke … es sprach sich bereits herum was in der letzten Nacht geschehen war, zu offensichtlich war es gewesen, zu viele hatten es mitbekommen.
Während ich noch in der Küche saß kam schließlich Frisca, unsere Köchin, hinein und ich sah gleich, dass es ihr nicht gut ging. Fiebrig war sie und ein Husten quälte das arme Ding. Ich nahm sie gleich mit hinauf in die Heilstube, wo ich sie gründlich untersuchte. Ein tief sitzender, zäher Husten hat sich in ihren Lungen festgesetzt und ihr Fieber ist hoch.
Ich rief eine der Wachen, die seit dem gestrigen Überfall auf die Burg verstärkt patroullieren hinauf und wies sie an ein Feldbett zu holen. Dann machte ich mich daran Frisca zu versorgen. Einen Kräutertee bereitete ich ihr, der ihr Fieber senken und den Schleim lösen sollte. Zudem gab ich ihr ein Sonnenblumenelixier, dass hoffentlich die Krankheit bald vertreiben würde. Außerdem richtete ich ihr eine Kräutermischung her, mit der sich sich morgen selbst einen Tee zubreiten kann und gab ihr noch eine weitere Flasche des Sonnenblumenelixieres. Mir war in diesem Moment selbst kaum bewusst, was ich durch diese Dinge bereits vorbereitete.
Die Wache brachte das Feldbett und ich half Frisca sich hin zu legen. Es würde besser sein, wenn sie, krank wie sie war, hier oben in der Heilstube bliebe wo es warm und trocken war. Sie muss schnell wieder gesund werden, wir brauchen sie in der Küche. Müde und schwach war sie. Ich machte ihr noch kühlende Umschläge für die Stirn und dann war sie auch bald eingeschlafen.
Weiter ging es für mich nun hinauf zu unserer Gefangenen, ich hatte Wasser dabei und Tücher, da ich dachte sie würde sich vielleicht waschen wollen, blutig wie sie gewesen war und ich hatte eine Phiole des Eisenkrautelixiers dabei, welches ich hoffte ihr wieder einflößen zu können, wenn ich ihr im Gegenzug versprach, dass sie dann von den Fesseln befreit würde, bis auf den Kragen um ihren Hals. Leider aber hatte der Graf ihr schon die Fesseln an den Armen entfernen lassen und auch Nahrung hatte er ihr angeboten, so dass ich keinerlei Druckmittel mehr hatte. Freiwillig natürlich würde sie das Elexier, dass sie sichtlich schwächte nicht einnehmen. Immerhin trug sie inzwischen wieder ein Kleid, welches sie wieder schicklich bedeckt und es den Wachmännern hoffentlich erleichtert, ihren Dienst zu tun, ohne zu sehr in Versuchung zu geraten.
Ich versuchte noch sie zu befragen, doch ich fürchte sie weiß tatsächlich nichts. Nichts das für mich von Wert sein würde. Und so ging ich noch einmal schnell hinab, holte drei Bündel Eisenkraut und legte diese vor ihre Zelle. Den Wachen sagte ich, dass diese dort nach Möglichkeit zu verbleiben haben, da sie die Gefangene schwächen.
Müde schließlich ging ich hinab in meine Kamer, um ein kleines Kästchen vorzubereiten. Ein Kästchen mit Elixieren, dass ich Helena geben würde. Dann packte ich meine wenigen Habseligkeiten zusammen, die ich hier hatte.
Ganz mechanisch waren meine Handgriffe und erst während ich all dies Tat wurde mir klar, dass ich eine Entscheidung getroffen hatte. Die Entscheidung diese Burg zu verlassen .. zumindest das … und für’s erste in den Elbenwald zurück zu kehren von wo aus ich nach Katy suchen werde.
Der Abschied von Helena fiel schwerer als gedacht. Nur ungern lasse ich die junge Frau hier auf der Burg zurück. Ich berichtete ihr von den Entscheidungen der Elben, den Nachrichten, die Gwen mir für sie mitgab und gab ihr noch den einen oder anderen Rat, von dem ich hoffe, dass er ihr von nutzen sein wird. Zudem überreichte ich ihr das Kästchen, in der Hoffnung sie werde die Elixiere weise einsetzen.
Danach ging alles sehr rasch. Ich packte mein Bündel und ging hinaus in den Hof. Da der Verweser nirgends zu sehen war, war es ein leichtes für mich, die Tore öffnen zu lassen und auch sonst wäre niemand da gewesen, der mich hätte zurückhalten können oder wollen. So verließ ich die Burg auf dem Rücken meines treuen Rappen. Wie der Wind galoppierten wir durch die Nacht, wobei ich mich auf den sicheren Instinkt des Tieres verließ. Zurück nach Elwyne ging es, nach Hause.
Hier sitze ich nun, in meinem Haus und schreibe diese Zeilen. Es ist alles dunkel und still. Kein Feuer habe ich entfacht. Niemand muss wissen, wo ich bin. Müde bin ich, sehr müde und einerseits fühle ich mich befreit, andererseits fühle ich mich schlecht dabei die anderen in der Burg zurück gelassen zu haben, auch wenn ich alles in meiner Macht stehende getan habe, um sie auch in meiner Abwesenheit versorgt zu wissen.
Ich weiß nicht ob ich jemals in die Burg zurück kehren werde. Ich weiß nicht wohin mein Weg mich jetzt führen wird. Heimatlos und allein bin ich wieder … so wie ich es war als ich in dieses Land kam. Schlafen werde ich jetzt … und nach Katy suchen … und darüber nachdenken welcher Weg der meine ist ….